Goodbye Earl http://goodbyeearl.blogsport.de Öffentlichmachung einer Vergewaltigung und psychischer Gewalt innerhalb einer Beziehung durch Florian (Gitarrist bei Aggronauts und United and Strong, Berlin) Tue, 22 Jun 2010 21:54:13 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Öffentlichmachung http://goodbyeearl.blogsport.de/2010/06/03/sexualisierte-gewalt-im-linkem-verhaltenskodex/ http://goodbyeearl.blogsport.de/2010/06/03/sexualisierte-gewalt-im-linkem-verhaltenskodex/#comments Wed, 02 Jun 2010 22:14:04 +0000 Administrator Allgemein http://goodbyeearl.blogsport.de/2010/06/03/sexualisierte-gewalt-im-linkem-verhaltenskodex/ Version 2.01

Öffentlichmachung
einer Vergewaltigung und psychischer Gewalt innerhalb einer Beziehung durch Florian (Gitarrist bei Aggronauts und United and Strong, Berlin)

Mit diesem Text wollen wir Geschehnisse öffentlich machen, die zu lange im Privaten geblieben sind. Während die Betroffene in ihrem alltäglichen Leben und ihrer Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt ist, wurde dem Täter ein störungsfreien Alltag ermöglicht.
Wir wollen außerdem Personen zu einer Positionierung aufrufen, die bereits über das Folgende bescheid wussten und dennoch das Verhalten des Täters tolerierten oder ihn sogar in seinem Handeln bestärkten.
Wir als Unterstützer_innen2 der Betroffenen wollen darauf aufmerksam machen, dass das Private nach wie vor politisch sein muss und somit jegliche Gewalt, egal ob physisch oder psychisch, alle angeht, auch wenn sie im privaten Raum stattfindet. Das Private ist deshalb politisch, weil sich gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse bis in die persönlichsten Beziehungen fortsetzen. Auch in diesem Fall ist das Verhalten des Täters als Ausdruck (hetero-)sexistischer und patriarchaler Machtstrukturen zu verstehen3.

Daher halten wir es für grundsätzlich falsch, das Geschehene, das hiermit öffentlich gemacht wird, als individuelles Problem zu betrachten.
Dieser Text schildert die Geschehnisse aus der Perspektive der Betroffenen. Die Perspektive des Täters mag anders sein – sie ist aber politisch völlig uninteressant. Subjektiv erlebtes Leid ist objektiv entstandener Schaden für die betroffene Person. Der Täter hat sich genau mit diesem durch ihn verursachten erheblichen Schaden auseinanderzusetzen, was er bis jetzt verweigert hat. Stattdessen bemüht er sich um eine Gegendarstellung. Dass seiner Perspektive mehr Glaubwürdigkeit zugesprochen wird, kann nur vor dem Hintergrund einer sexistischen Wahrnehmung gelingen, nach der der Einschätzung von Männern schnell Wahrheitsgehalt zuerkannt wird, während die Einschätzung von Frauen lediglich als subjektives Erleben abgewertet wird. Eine vermeintliche „Richtigstellung“ der hier geschilderten Geschehnisse ändert nichts an den objektiven Folgen der Handlungen des Täters und sind höchstens ein Zeichen für das Nichtverständnis dessen, worum es hier eigentlich geht.
Nach einer zweijährigen Freundschaft gingen die Betroffene und Florian im Dezember 2007 eine Beziehung miteinander ein, in deren Folge beide mit einer dritten Person im April 2008 eine gemeinsame Wohnung bezogen. Kurz nach dem gemeinsam beschlossenen Zusammenzug veränderte sich ihre Beziehung grundlegend. Kommunikation über Persönliches wehrte Florian auf aggressive Weise ab und wies der Betroffenen jegliche Schuld an der Situation in der Beziehung zu. Die Betroffene wurde von ihm ignoriert und missachtet, was sie zunehmend in der Beziehung und im Alltag isolierte. Die dominante und aggressive Weise, in der Florian sich ihr gegenüber verhielt, machte es ihr unmöglich, ihre Situation zu verändern, nahm ihr also die Handlungsfähigkeit. Dies alles führte bei der Betroffenen zu erheblicher psychischer Belastung. Die drastischen Folgen davon, massiver Gewichtsverlust, Angst- und Panikattacken, Selbstverletzung und Selbstmordabsichten, konnten von Florian gar nicht übersehen werden. Wir gehen daher davon aus, dass sie ihm in vollem Ausmaß bewusst gewesen sein müssen. Dennoch änderte er sein Verhalten nicht, warf der Betroffenen stattdessen wiederholt eigenes Verschulden vor.

Für die Betroffene gab es innerhalb der Beziehung und der Wohnung keinen Rückzugsraum, da selbst banalste Gesprächsversuche von ihm entweder ignoriert wurden, oder er mit Anschreien, Beleidigen, Drohungen und Vorwürfen reagierte. Aus Angst vor Florian verbarrikadierte die Betroffene sogar mehrfach nachts ihre Zimmertür mit Möbelstücken. Was sie erlebte, war Psychoterror.
Sein aggressives Verhalten äußerte sich jedoch auch in subtilerer Form. So pathologisierte Florian die Betroffene als „Irre“, als deren Opfer er sich inszenierte. Damit stellte er sie als Täterin dar und inszenierte sich als unschuldig am Verlauf der Beziehung und den daraus resultierenden Folgen für die Betroffene. Zudem stellte er der Betroffenen in Äußerungen wiederholt andere Frauen gegenüber, die er im Gegensatz zu ihr als „moralisch anständig“ idealisierte. Damit offenbarte er ein stereotypes, sexistisches Frauenbild.
Auch nach dem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung gab es keinen Abbruch der Angriffe durch Florian. So drohte er der Betroffenen beispielsweise per SMS – um 3 Uhr nachts – damit, dafür zu sorgen, sie aus der neu bezogenen Wohnung werfen zu lassen. Dabei demütigte er sie wiederholt: „Du bist lächerlich“ und „Ich höre damit auf, wenn du aufhörst lächerlich zu sein“.
Wir können die Handlungen von Florian nur als dauerhafte Ausübung psychischer Gewalt bezeichnen. Wir müssen dabei davon ausgehen, dass er dies in vollständiger Kenntnis über deren Konsequenzen tat. Oder wir müssen von einer enormen Fähigkeit ausgehen, die Folgen der eigenen Handlungen auszublenden, bzw. vor sich selbst zu verleugnen. Der Einsatz von psychischer Gewalt ermöglichte Florian die Durchsetzung seiner Interessen gegen die Betroffene und bewahrte ihn davor, sich mit ihrer Sicht der Dinge auseinandersetzen zu müssen.
Die Betroffene suchte mehr als einmal und in verschiedenen Situationen das Gespräch zu Florian über sein grenzüberschreitendes und gewalttätiges Verhalten. Jedes Mal reagierte dieser aber mit Unverständnis, weiteren Beleidigungen und Drohungen.
Bis zu diesem Zeitpunkt blieb die von Florian ausgeübte Gewalt ausschließlich auf psychischer Ebene. Im Gegensatz zu körperlicher Gewalt ist psychische Gewalt weniger sichtbar. Zudem wird psychische Gewalt häufiger als bloßer Beziehungskonflikt verharmlost, das asymmetrische Verhältnis dahinter viel seltener erkannt. Dieser Umstand verhindert, dass die Betroffenen sich Gehör verschaffen können und behindert ihre Glaubwürdigkeit.
Die Vergewaltigung, die sich schließlich im Februar 2009 ereignete, gab der Gewalt eine neue Qualität und stellt auch eine Steigerung der bereits erlebten Bedrohung für die Betroffene dar. Über das Ausbleiben einer Zustimmung der Betroffenen setzte er sich hinweg. Deshalb ist in diesem Fall von einer Vergewaltigung zu sprechen4.

Florian bewegt sich in linken Kreisen und spielt in zwei Bands (Aggronauts und United And Strong), die in linken Locations verkehren und aufgetreten sind. Es liegt daher in der Verantwortung der linken Szene als Ganzes, das Vorgefallene zu thematisieren und eindeutig Stellung zu beziehen, anstatt dem Täter Raum zuzugestehen – auch auf Kosten des Rückfalls hinter selbst gesetzte politische Standards, und somit auf die Kosten der Bewegungsfreiheit der Betroffenen.
Gesprächsangebote der Betroffenen hat Florian in der Vergangenheit mehrfach aggressiv abgeblockt. Zur Reflektion über seine Taten war er nicht bereit. Die nun vorliegende Öffentlichmachung der durch ihn begangenen Gewalt ist die Konsequenz daraus. Es gilt, wieder Räume für die Betroffene zu erkämpfen, in denen sie sich angstfrei bewegen kann und darum, antisexistische Theorie in der Praxis zu verwirklichen.

Wir fordern Solidarisierung mit der Betroffenen.

Wir fordern bis auf weiteres ein Auftrittsverbot der Bands, solange Florian noch Mitglied derer ist und solange von ihrer Seite keine kritische Auseinandersetzung mit seinen Taten stattfindet.

Wir fordern von den Personen, die von den Ausmaßen der psychischen Gewalt wussten, über das Ausbleiben jeglicher Konsequenzen Stellung zu beziehen und sich vom Täter zu distanzieren.

Wir fordern von Florian die Definitionsmacht der Betroffenen anzuerkennen und die Konsequenzen daraus zu ziehen. Wir fordern, dass er sich aus linken Zusammenhängen fern hält, mindestens bis die Betroffene Gegenteiliges für möglich hält.

gruppe goodbye.earl


julieruin.radio@googlemail.com

alternativ: goodbyeearl@riseup.net

  1. Aufgrund von konstruktiver, solidarischer Kritik an manchen Formulierungen der ersten Version, haben wir uns entschieden den ursprünglichen Text zu überarbeiten. [zurück]
  2. Mit der Unterstrichschreibweise soll dem Umstand Rechung getragen werden, dass sich nicht alle Menschen mit den etablierten binären Genderkategorien identifizieren, sondern diese Zweiteilung theoretisch und praktisch in Frage stellen. [zurück]
  3. So drückt sich hegemoniale Männlichkeit nicht nur durch das Dominanzverhalten des Täters innerhalb der Beziehung aus, sondern auch dadurch, dass die Betroffene weder gehört noch ernst genommen wird, während der Täter in seinem Umfeld und darüber hinaus Unterstützung findet. [zurück]
  4. Vergewaltigungen ereignen sich wesentlich öfter in dieser oder ähnlicher Form, als dass sie mit direktem körperlichem Zwang durchgesetzt werden. Das Konzept der Definitionsmacht trägt diesem Umstand Rechnung, denn diese Formen von Vergewaltigung sind selten objektiv beweisbar. Einzig die betroffene Person kann sagen, ob sich hier über ihre Nichtzustimmung hinweggesetzt wurde oder nicht und ob für sie das, was passiert ist, eine Vergewaltigung ist oder nicht. [zurück]
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